Nirgendwo

BLicke I – ZWEI Kurzfilme aus Deutschland

20.08.26 – 20.09.26

 

Der deutsche Kurzfilm ist eine ambivalente Kategorie, welche die unterschiedlichsten Filme umfasst, und genau diese Heterogenität macht die Nationalen Wettbewerbe deutscher Filmfestivals  so sehenswert. Dem traurigen und zerstörerischen Effekt eines den Genozid an Palästinensern leugnenden deutschen Staats und dem Rechtsruck zum trotz, lässt sich Vielfalt nicht unterdrücken. Ihre Präsenz ist nicht einfach zu verneinen. In der Tat sind deutsche Produktionen in Besetzung und Crew, und auch die Produktions- Beziehungen, international, voller migrantischer und post-migrantischer Perspektiven, die die Kategorie des deutschen Kurzfilms durchaus erweitern.

Das Kurzfilmprogramm “Blicke” besteht aus deutschen Produktionen im weitesten Sinne, und verhält sich nicht synonym zur Kategorie  “deutsche*r Regisseur*in”. Das Programm setzt sich vielmehr aus flüchtigen formalen Bewegungen zusammen; aus absichtlichen Blicken, sorgfältigen Momenten des Zusammenseins und des Auseinanderreißens. Die hier präsentierten Filme lassen sich Zeit und geben Raum. Eine mögliche Definition des deutschen Kurzfilms wird den Betrachtenden überlassen.

Nowhen freut sich, Filme von Katharina Huber und Carlos Pereira zeigen zu können. Das Programm wurde kuratiert von Giancarlo M. Sandoval.



In Katharina Hubers Nachfolger von „Ein schöner Ort“ lässt sich leicht ein zeitlicher Ablauf erkennen. Zwei Figuren bevölkern diese Welt: „kleine messer“ und „große messer“, gespielt von Alexandra Huber und Charlotte Marsau, wobei Letztere selbst Regisseurin bzw. Musikerin ist. Man kann das Spiel der Zusammenhänge spielen: Beide tragen Mützen, sammeln Messer, arbeiten mit ihnen und essen Nüsse. Der Film könnte ein Lied sein. Doch wie bei Musik muss man zunächst das Ende erreichen, um manche Aspekte – die Höhen und Tiefen, das Tempo – zu verstehen, und dann noch einmal hinhören. Die Wiederholung des Erlebnisses lässt Erinnerungen aufleben und schafft gleichzeitig Befreiung von ihnen.

Und dann wird plötzlich der Unterschied zwischen den Blicken deutlicher. Marsaus ätherische, ausweichende Art des Schauens, die sich schließlich der Kamera zuwendet, findet ein Echo im unschuldigen und beharrlicheren Blick von Hubers Figur. Beide beginnen den Film mit gesenktem Kopf: Die eine betrachtet ein Loch, die andere Nüsse. Die Parallelität in der Struktur steht im Kontrast zur freien Stimmung des Soundtracks. Letzterer hüllt die Figuren und die sie umgebenden Gegenstände ein und deutet für beide einen widersprüchlichen Entwicklungsweg an. „Feministin Blau‘, sagt ‚große Messer‘, während ‚kleine Messer‘ eine Adaption der ‚Moritat von Mackie Messer‘ von Brecht und Weill singt, die sich mit der “Späternte” befasst. Zwischen ihren Worten liegen unüberbrückbare Lücken, die durch Bilder nicht gefüllt werden können.

Die Frage, wer sät und wer von der Ernte profitiert, steht seit geraumer Zeit im Mittelpunkt der politischen Ökonomie und bestimmt auch das Wesen des Arbeiters und des Ausbeuters. Bestimmten Altersgruppen werden gewissen Rollen zugeschrieben, während andere als entbehrlich gelten und angeblich nicht in der Lage sind, zu säen. Huber problematisiert Kategorien und Zeitlichkeiten, ohne sie gleich zu erklären. Dass sie nachhallen, ist ihr Verdienst. “Späternte” lässt sich in Dauerschleife spielen ‒ ein Lied, dessen Rhythmen auf besonders unauffällige Weise einen Lernprozess des Schauens und Hörens in Gang setzen.



Das Rauschen von Wasser begrüßt die Zuschauenden, die sich anschließend mit Text, den nicht gesprochenen Untertiteln, auseinandersetzen müssen. Der sanfte zeitliche Verlauf der ersten Minuten von Carlos Pereiras „Unruhe“ wird erst durch die magnetische Intensität der Schlussmomente durchbrochen, in denen eine völlig andere musikalische Textur aus den Lautsprechern dröhnt. „
Es war eine Zeit, in der die Menschen glaubten, es gäbe im Meer ebenso viele Fische wie Sterne am Himmel“, laut die erste Zeile, die auf konkrete Datumsangaben verzichtet und stattdessen konkrete zeitliche Anhaltspunkte beschreibt. Asteroiden, Meteore und Kometen – Symbole der Astrologie – verorten den Text in einer vergangenen Zeit.

Der stumme Text fährt jedoch fort: Diese vergangene Zeit war auch eine Zeit manichäischen Denkens. Einfache Gegensätze herrschten vor und schufen Konflikte und Verzweiflung. Am 14. Juli 1518 begann dann plötzlich eine Frau, sich unaufhörlich zu bewegen. Kurz darauf weitete sich die sogenannte ‚Tanzepidemie‘ aus: Hunderte begannen ebenfalls zu tanzen, manche bis zum Tod. So entsteht mit filmischen Mitteln eine zeitliche Wirbelströmung. Auf den Blick eines Mannes folgen die Körper der Menschen. Die höhlenartige Kulisse offenbart sich und gibt den Blick auf das frei, was zuvor nur durch ein kleines Licht sichtbar war. Der Ort ist nichts ohne seine Menschen; diese wurden dazu aufgerufen, sich inmitten der Lautsprecher zu versammeln und zu tanzen.

Der Rauch, der die Bewegungen der Versammlung in Gang setzt, füllt das Bild aus. Die Schönheit des entfesselten Tanzes liegt in seiner Koordination inmitten der Inkoordination. Es ist die Choreografie eines Gefühls, das inmitten politischen Verfalls und Aufruhrs freigesetzt wird. Wenn die Zeit des Manichäismus, des Binärdenkens und der einfachen Gegensätze zurückkehrt, dann sind, so suggeriert Pereiras Film, vielleicht der Tanz und die damit verbundene Queerness die Asteroiden, Meteore und Kometen dieser Zeit. Der einzige wahre und anmutige Himmel.

 


Katharina Huber ist freischaffende Filmemacherin und lebt in Köln. Angefangen hat sie als Malerin. Bis 2012 besuchte sie die Kunsthochschule für Medien Köln und 2014 mit der Unterstützung des DAAD Stipendiums das Royal College of Art in London. Zu dieser Zeit lag ihr Schwerpunkt im Bereich Animation und Kurzfilm. Seit der Rückkehr nach Köln hat sich dieser auf Spielfilm ausgeweitet. Ihre Filme wurden auf internationalen Festivals präsentiert und prämiert, unter anderem auf dem Locarno Film Festival mit dem „Best emerging director award“ für den Film „Ein schöner Ort“. Für ihren letzten Kurzfilm „Der natürliche Tod der Maus“ erhielt sie den Deutschen Kurzfilmpreis im Bereich Animation.

 

Carlos Pereira was born in Lisbon and is currently studying film directing at the Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). His films have been screened at festivals such as Locarno and San Sebastián. His film Slimane (2023) won the German Film Critics Award for Best Short Film. In 2022, he was awarded a residency at The Bergman Estate on Fårö, where he wrote the first draft of his first feature film, Remote Islands, which is currently in development.