
Conference of the birds
§00.
Schatten sammeln sich. Sie entfernen sich von ihren ursprünglichen Objekten, trotz des Lichts und des Fluchs der Sonne. Das Feld lässt sich nicht mehr erkennen, wenn es in rohe Sichtbarkeit verwandelt wird. Liebe ist in dieser Stadt zu spüren; der Klang gehört 54.074 Menschenseelen, die das Schattensammeln aufmerksam beobachten, mit der schmerzhaften Konzentration einer nie sterbenden Romanze. Jede Woche brennt sie, die Liebe, die Augen und Ohren an einem Ort miteinander verbindet. Es kracht mächtig und zugleich ist es so, als wären die Bewegungen choreographiert und vor dem Antritt ins Stadion geprobt worden. Die Menschen sitzen ruhig, bis der Ball im Schattenbereich landet. Obschon die Gestalten gleich sind, provozieren bestimmte Positionen unterschiedliche Reaktionen. De-jure- und De-facto-Gleichheit also, weshalb eine mögliche Einstufung der verschiedenen Reaktionen der Menschen auf die Bereiche des Spielfelds kartiert werden sollte.
Aneinanderreihungen von Vermittlungen führen in unbekannte Gebiete; jedoch lässt sich das Schattenspiel leicht verfolgen: durch das Fernsehen, durch das Kino. Schattenliebe, die wenig preisgibt, erscheint als konkrete Offenbarung und verdeckt zugleich ihre Produktionsbedingungen hinter dem Spektakel, gesichtet durch einen Apparat. Die Zeremonie, das ursprüngliche Ritual, fragmentiert sich und komponiert sich neu. Die zuvor gesehenen Figuren werden noch abstrakter. Diese Abstraktion entfacht vielfältige Möglichkeiten, wobei zwei davon die Extreme bilden. Zum einen wird das Spiel noch intensiver, obsessiver betrachtet; es wird zu einer durch Alkohol ermöglichten Situation des Verrücktwerdens. Eine verspürte Leidenschaft, motiviert von Grundintuitionen und von einer Intensivierung der Empfindungsfähigkeit. Die Bewusstseinsorganisation, gäbe es denn eine Hierarchie des Geistes, hat das Intensive zu ihrem Anführer gewählt. Jene Restrukturierung des Sensiblen fazilitiert die Entgrenzung des Respektablen, der bürgerlichen Verdrängung, und erlaubt die Akzeptanz des leidenschaftlichen Ausdrucks vor dem Bildschirm als modus spectandi.
Das andere Extrem besteht im Eintritt der Kritik durch ein vom Bildschirm ermöglichtes, vermitteltes Sehen. Keineswegs ein intellektueller Zugang zur Welt, bildet diese Kritik vielmehr eine Versammlung grundsätzlicher Fragen: Was, wie, wo, wer, wann? Der Akt des Zuschauens führt zur Entdeckung des sonimage. Wer sind diese Schatten, wo sind diese Spieler? Was ist eine Mannschaftsaufstellung? Der Anfängergeist kann zu Pfaden führen, die nicht hätten vorhergesehen werden können: zum Journalismus oder zur xG-Besessenheit1https://www.bundesliga.com/de/bundesliga/news/expected-goals-xgoals-fussball-analyse-statistik-3760. Die Distanz schafft einen anderen, analytischen Zugang. Schichten entstehen; die sogenannte Leidenschaft macht Platz für einen auf Herausfinden beruhenden Genuss. Daten über die Schatten tauchen auf den Bildschirmen auf. Es ist indes nicht wichtig, dass die Informationsüberflutung nicht das Geringste verrät.
§01.
Erklärungen folgen auf Erklärungen, die das gegenwärtige System immer wieder erfordert. Nichts ist heilig im globalen Kapitalismus, da der Drang zur Entmystifizierung des Lebens Videos, Podcasts, Apps und Explainer vermehrt. Der Gestank der Medien haftet an jeder Interaktion, die verspricht, die Details von allem zu offenbaren. Bedarf eine solche Situation einer Gegenstrategie, eines Contras?
§02.
Unheil trifft oft jene, die immer nur auf die erste Bewegung des Gegenspielers reagieren. Es ist bekannt, wie die großen und bekanntesten Mannschaften spielen; doch wie spielt die andere, kleinere Mannschaft, die keine großen Namen in der Aufstellung hat? Wie wird ihr Spiel gestaltet?
§03.
Wenn Elemente sich wiederholen, entsteht widerwillig die Assemblage eines Rituals. Wenn Menschen durch eine Tür gehen, einen Satz wiederholen, und die Distanz zwischen Figuren vibrieren auf eine ähnliche Weise in unterschiedlichen, von anderen Szenen geteilten Sequenzen, dann ergibt sich eine Strategie des Wiederkehrs, die eine Konstellation herzustellen versucht. Denn der Punkt ist eben das Heraufbeschwören eines intuitiv verstandenen Gefühls, das sich nicht mittels einer einzigen Figur offenbart. Das Element ist dann der Prozess.
Wenn die Elemente in Amin Motallebzadehs Conference of the Birds keiner großen, leitenden anthropomorphen Figur untergeordnet werden, dann deshalb, weil der Regisseur eine Strategie der Stimmungsbildung entfaltet, die von einer beengten Ausstreuung von Figuren getragen wird. Diese „beengte Ausstreuung“, wie Motallebzadeh sie im Film begreift, zeigt sich am deutlichsten in einer Szene, in der mehrere Figuren die Bewegungsabfolge des Gebets durchlaufen. Diese Figuren sind einander bereits begegnet; sie könnten einander wieder begegnen. Der Film ordnet sie jedoch so an, dass sie sich stets innerhalb begrenzter Räume bewegen. Je mehr Figuren dieser Konstellation hinzugefügt werden, desto stärker müssen ihre Ein- und Austritte innerhalb eines Mannigfaltigen von Kontexten, kulturellen Hintergründen und Sprachen ausgehandelt werden.
Die raumzeitliche Kompression lässt den Figuren keinen Atem, während der Film vorwärts mahlt und ihre Stimmen, die Reaktionen anderer Menschen und ihre Silhouetten in die beengte Ausstreuung des Ganzen montiert. Figuren und Dinge fallen in stillem Protest, nehmen aber zugleich ihren Platz im Regime des internationalen Kapitals an, in dem Menschen ersetzt, befragt, vergeben, vernichtet werden. Die beengte Ausstreuung erzeugt Resignation; sie schreibt sich ins Gesicht ein.
§04.
Eine mittelmäßig trainierte Mannschaft von Newcastle erzielt in den ersten zehn Minuten des Spiels ein Tor. Im Inneren von Anfield sind die Menschen überrascht, aber erwartungsvoll. Wenn sich irgendetwas auf der Welt ändern kann, dann der Spielstand einer Liverpool-Mannschaft im Jahr 2019. Nachdem der Ball von Jetro Willems im Netz landet, zeigt der Stürmer nach oben, zu den Newcastle-Anhängern. Klopp2https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Klopp zeigt keine Reaktion, seine Arme hängen lose herab. Der Grund für seine Gleichgültigkeit lässt sich am besten mit einem Satz erklären, der oft wiederholt wird, wenn England bei Weltmeisterschaften früh in Führung geht:
„Sie haben zu früh getroffen.“
Es spielt kaum eine Rolle, dass Adrián, der Held des Supercups, den Ball nicht halten konnte. Zu seiner Linken steht Andrew Robertson, zu seiner Rechten Trent Alexander-Arnold, davor ein Mittelfeld aus Fabinho, Wijnaldum und Oxlade-Chamberlain. Vorne: Sadio Mané, Mohamed Salah und Divock Origi, der später durch einen entfesselten Roberto Firmino ersetzt wird. Als Manés Ausgleich fällt, feiert er kaum. Auf die für ihn charakteristische Weise fordert er dazu auf, weiterzuspielen. Das Spiel ist nicht vorbei. Am Ende hat er zwei Tore, Salah eines. Firmino hat, wie üblich, kein Tor, aber seine Imagination erschafft zwei.
Die Menge singt von Anfang bis Ende, verliert sich in „You’ll Never Walk Alone“ und durchläuft ihr Repertoire an Hymnen. Am Ende der Saison wird Liverpool seinen ersten Premier-League-Titel seit dreißig Jahren gewinnen und ihn nach einem Geisterspiel hinter verschlossenen Türen feiern.
Notes
- 1https://www.bundesliga.com/de/bundesliga/news/expected-goals-xgoals-fussball-analyse-statistik-3760
- 2https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Klopp
